Schlafende Riesen müssen erwachen

Schlafende Riesen müssen erwachen

Die Versicherungsunternehmen müssen auf die Reform der Finanzmarktinfrastruktur reagieren. Sonst verpassen sie eine Chance.

Aus Erfahrung wissen wir, dass Finanzmarktinfrastrukturen (FMI) zerbrechlich sind. Ausserdem wissen wir, dass grosse Finanzinstitute – sogar solche, deren Produkte explizit der Risikominimierung dienen – selbst Risiken ausgesetzt sind. Nachdem die Entwicklung intermediärer Prozesse an den Finanzmärkten über viele Jahre hinweg durch die Nachfrage von grossen Instituten geprägt war, insbesondere Pensionskassen, hat in letzter Zeit das Bewusstsein über die potenziellen Gefahren, die von solchen Akteuren ausgehen, eine immer wichtigere Rolle gespielt.

Vor diesem Hintergrund sollten die gegenwärtigen und künftigen Aufgaben der Versicherungsunternehmen innerhalb ihrer eigenen FMI beurteilt werden. Welche Erwartungen und Bedürfnisse haben sie, und wie werden diese erfüllt? Welchen Beitrag leisten sie zur Entwicklung der Infrastruktur, und welchen zusätzlichen Beitrag sollten sie womöglich leisten? Wenn die kollektive Stimme der Pensionskassen in der Vergangenheit lauter war, wie sollten sich dann die Versicherungsunternehmen bei Bedarf stärker Gehör verschaffen?

Natürliche Synergie

Olivier de Schaetzen, Direktor bei Euroclear, macht eine einfache, aber aufschlussreiche Feststellung, wenn er sagt: „Die Versicherungsunternehmen sind anders, weil sie sehr, sehr langfristige Anleger sind.“ Wir könnten diese Aussage als unseren Ausgangspunkt nehmen. Wenn ein FMI vernünftig und langfristig aufgebaut werden soll, so folgt daraus, dass sowohl FMI als auch Versicherungsunternehmen auf Langlebigkeit ausgelegt sind. Sollten wir eine natürliche Synergie zwischen FMI und Versicherungsunternehmen im Hinblick auf die künftige Entwicklung anstreben?

Dabei handelt es sich um eine wichtige Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt. Edouard de Lencquesaing, CEO, European Institute for Financial Regulation, bemerkt dazu: „In Anbetracht des neuen regulatorischen Rahmens wird die Fähigkeit der Banken, die Wirtschaft durch Kredite zu finanzieren, im Zuge von Basel III und der European Market Infrastructure Regulation (EMIR) abnehmen. Es wird mehr marktbasierte Instrumente zur Finanzierung kleinerer Unternehmen geben. Dies wird die Rolle von Fondsmanagern und Versicherungsgesellschaften bei der Unternehmensfinanzierung stärken.“ Die konkreten Instrumente könnten bestimmte Arten von Kreditportfolios sein, die vertraglich mit den Banken errichtet werden; ausserdem ist zu erwarten, dass die Versicherungsunternehmen eine Reihe von FMI-orientierten Dienstleistungen entwickeln werden. Insbesondere weist De Lencquesaing auf „Invest-to-Lend“-Strukturen hin und meint dazu: „Es ist klar, dass die Versicherungsgesellschaften hier eine wichtige Rolle spielen werden, weil sie langfristige Anleger sind.“

Das regulatorische Umfeld trägt dazu bei, dass sich Versicherungsunternehmen aktiv an der Weiterentwicklung der FMI beteiligen; es besteht eine Synergie. Dafür gibt es einen Grund, der paradox erscheinen mag: Versicherungsgesellschaften spielen in einer wichtigen Hinsicht gegenüber den Banken eine untergeordnete Rolle: ihrer Systemrelevanz. So gibt es laut dem Financial Stability Board (FSB) weltweit 28 systemisch wichtige Banken, aber nur neun systemisch wichtige Versicherungsunternehmen (global systemically important insurers, G-SIIs) (Stand: Juli 2013). Die entsprechende Liste des FSB wurde als Teil der Anstrengungen zum Schutz der FMI mithilfe von Schadensbegrenzungsmechanismen, durch die auch grössere Institute ohne grössere Auswirkung pleitegehen könnten, veröffentlicht.

Als möglicherweise ungewollte Folge dieser Massnahmen wurde allgemein bekannt, in welchem Masse Versicherungsunternehmen, darunter auch G-SII, in Bezug auf systemische Risiken sowie im weiteren Sinne in Bezug auf die Instandhaltung und Entwicklung von Infrastrukturen positiver bewertet werden als Banken und andere Institute. Als das EU-Generaldirektorat für Binnenmarkt und Dienstleistungen (im 4. Q 2012) eine Konsultation über einen möglichen Rechtsrahmen für Sanierung und Abwicklung von Nichtbanken durchführte, wiesen die Antworten, die in der im März 2013 veröffentlichten Publikation zusammengefasst wurden, darauf hin, dass eine „allgemeine, aber nicht einstimmige Unterstützung für eine weitere Betrachtung der Möglichkeiten zur Problemlösung“ bestand. Nicht gerade ein sehr bewegender Aufruf

 

“Versicherungsunternehmen erzeugen viel weniger systemische Risiken als Banken, hauptsächlich wegen ihres nichttraditionellen Nichtversicherungsgeschäfts (non-traditional non-insurance, NTNI).”

David Strachan
Deloitte Centre for Regulatory Strategy

David Strachan, Co-Head des Deloitte Centre for Regulatory Strategy, bemerkte dazu: „Versicherungsunternehmen erzeugen viel weniger systemische Risiken als Banken, hauptsächlich wegen ihres nichttraditionellen Nichtversicherungsgeschäfts (non-traditional non-insurance, NTNI).“ Es handelt sich dabei vor allem um kurzfristige Transaktionen. Dies deckt sich mit den Antworten bei der EU-Konsultation. Dort wurden ebenfalls die NTNI-Aktivitäten als der Bereich angesprochen, der möglicherweise den grössten Anlass zur Sorge gibt. Besonders stark machten grenzüberschreitend tätige Institute auf diese Tatsache aufmerksam. Als Extrapolation des von de Schaetzen angesprochenen Punktes über die Bedeutung von Versicherungsunternehmen als langfristige Investoren könnten wir vielleicht die vorläufige Schlussfolgerung daraus ziehen, dass die Versicherungsgesellschaften systemisch am riskantesten sind, wenn sie sich am wenigsten wie Versicherungsunternehmen verhalten.

Immer schön auf Distanz

Genug der grossen Betrachtung über den Tellerrand hinaus. Alle oben genannten Punkte legen nahe, dass Versicherungsunternehmen offenbar gut in der Lage sind, zur langfristigen Weiterentwicklung der FMI beizutragen. Dabei könnte ihre Bedeutung innerhalb ihrer heimischen FMI im Vergleich zu Banken und anderen Finanzinstituten noch zunehmen. [Nebenbei bemerkt: Die Internationale Vereinigung der Versicherungsaufsichtsbehörden (International Association of Insurance Supervisors, IAIS) hat vorgeschlagen, dass für G-SIIs ab Ende 2014 höhere Anforderungen an die Verlusttragfähigkeit gelten sollen. Antworten auf die EU-Konsultation zeigen, dass allgemein erwartet wird, dass die Solvabilität-II-Richtlinie den Versicherungsaufsichtsbehörden die notwendigen Kompetenzen geben wird. Solvabilität II verzögert sich zwar etwas, und der tatsächliche Umsetzungszeitplan wird allgemein debattiert, aber die Richtlinie wird kommen.]

Aber wie sieht es heute aus? Was wollen Versicherungsunternehmen, was brauchen sie, und was können sie von Finanzmarktinfrastrukturen vor dem Hintergrund der im Gefolge der Krise aktiv regulierten FMI im Normalfall erwarten?


“Die Kernanforderungen von Versicherungsunternehmen an die Börsen sind Liquidität und Transparenz.”

John Gubert
Unicredit

John Gubert, Vorsitzender des Exekutivkomitees für Global-Service-Strategie bei UniCredit sagt: „Wenn ich mir den Versicherungssektor heute anschaue, dann sehe ich in Wirklichkeit zwei Branchen. Eine ist im Geschäft mit Sparern aktiv, mit Produkten, die zwar vielleicht eine Lebensversicherung beinhalten, aber im Wesentlichen Sparprodukte sind. Die andere Branche deckt das eigentliche Versicherungsgeschäft ab – Gebäudeversicherung, Feuerversicherung usw.“ Die Produkte im Spargeschäft des Versicherungssektors sind „sehr traditionell“, erläutert Gubert, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil Versicherungsunternehmen eigene Investmentfonds als ihr wichtigstes Sparprodukt anbieten. Gleichermassen benötigen Nichtlebensversicherungsprodukte ebenfalls eine Fondsbasis.

Es besteht jedoch ein erheblicher Unterschied zwischen Versicherungsunternehmen und anderen „sehr traditionellen“ Finanzinstituten. Warum? Erstens, führt Gubert aus, weil Versicherungsunternehmen Infrastrukturen gewöhnlich indirekt nutzen – zum Beispiel Börsen über Wertpapierhändler, Post-Trade-Dienstleistungen über Depotbanken usw. – was nicht ungewöhnlich ist; zweitens und noch wichtiger, weil sie eine unterschiedliche Sichtweise haben. Gubert erklärt: „Wenn man mit dem Versicherungsunternehmen spricht, dann sind ihre Kernanforderungen an die Börsen Liquidität und Transparenz; Transparenz weil der Sektor eine hohe Ethik verlangt und sicherstellen will, dass die Preisfeststellung offen und integer vonstatten geht.“

Auswirkung der OTC-Reformen

Eine hohe Ethik an den Tag zu legen, ist positiv in Zeiten starker aufsichtsrechtlicher Bedenken. Die Verfolgung klarer Prinzipien in der Corporate Governance ist dabei ein wichtiger Aspekt. Dennoch könnte es sich als problematisch erweisen, in Zeiten der Veränderung (und nach einer Krise) keinen Einfluss auf die FMI auszuüben. Es wäre eine oberflächliche Feststellung, zu sagen, dass Versicherungsunternehmen und Aufsichtsbehörden mit ihrem Streben nach Liquidität und Transparenz am gleichen Strang ziehen, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil ironischerweise aufsichtsrechtliche Massnahmen direkt die Interessen der Versicherungsunternehmen geschädigt haben.

Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass aufgrund aufsichtsrechtlicher Eingriffe – Dodd-Frank sowie Basel III und EMIR – ein Grossteil des ausserbörslichen Geschäfts an die Börsen verlagert wurde. Hieraus ergeben sich einige Probleme, nicht zuletzt deshalb, weil Versicherungsunternehmen normalerweise Derivate, und vor allem Swap-Produkte, intensiv nutzen. De Lencquesaing bemerkt hierzu: „Was neu und wichtig ist, ist die Auswirkung der Regulierung auf strukturierte Produkte, Garantieprodukte und Derivate. Es besteht kein Zweifel, dass die Versicherungsunternehmen im Hinblick auf ihr Derivativgeschäft betroffen sein werden, vor allem, was die Besicherung (Collateralisation) dieser Instrumente angeht.“

Die „alte Priorität“ für Versicherungsunternehmen war es, sicherzustellen, dass ihre Vermögenswerte sowohl nachweisbar als auch geschützt waren; die „neue Priorität“ nach EMIR ist zwar ähnlich, doch sind noch einige andere Dinge hinzugekommen. Gubert bemerkt: „Im Post-Trade achten sie auf die Sicherheit der Vermögenswerte, die Rechtssicherheit von Wertpapiergeschäften und den Schutz ihrer Ansprüche, auch wenn dies über Post-Trade-Aspekte hinausgeht.“ Der letzte Punkt betrifft mehr grenzüberschreitend tätige Institute, also auch G-SIIs, denn es existiert keine allgemein akzeptierte Definition von Eigentum (Ownership) – man bekommt nicht immer automatisch das, wofür man eigentlich nach eigener Auffassung bezahlt hat. Im Gegensatz zu früher müssen heute alle Versicherungsunternehmen in der Lage sein, Vermögenswerte bereitzustellen, um ihre Verpflichtungen aus Derivatgeschäften und sonstigen Transaktionen erfüllen zu können. De Schaetzen bemerkt hierzu: „Versicherungsunternehmen erwarten von Marktinfrastrukturen, dass sie Lösungen bereitstellen, mit denen sich Vermögenswerte effizient von ihrem jetzigen Aufbewahrungsort dahin bewegen lassen, wo sie benötigt werden“.

Langfristige Betrachtung

Was benötigt wird, sind funktionale Sicherheiten. Die Versicherungsunternehmen sollten hier vielleicht energischer auftreten; ihr offensichtliches Desinteresse an der FMI-Regulierung/-Entwicklung (das im Gegensatz zu ihrem klaren Standpunkt in Bezug auf Corporate Governance steht) wirkt allmählich schon fahrlässig. Aber die Herausforderung in diesem Zusammenhang ist gleichzeitig auch eine Chance. De Schaetzen: „Die ganze momentane Regulierung führt dazu, dass die Besicherung immer wichtiger wird. Die Unternehmen werden ihre Kreditengagements zunehmend mit qualitativ hochwertigen Vermögenswerten besichern müssen. Nach unserer Einschätzung befindet sich ein bedeutender Anteil der qualitativ hochwertigen Vermögenswerte im Besitz der Versicherungsgesellschaften.“


Wir als Marktinfrastrukturen müssen den Versicherungsunternehmen gegenüber unsere Standpunkte klarmachen.”

Robert Almanas
SIX Securities Services

 

Die FMI ist für die Versicherungsunternehmen aber nicht einfach nur deswegen wichtig, weil die Versicherer plötzlich aufwachen und die potenziellen Vorteile einer aktiven Beteiligung an der Weiterentwicklung der FMI erkennen. „Wir als Marktinfrastrukturen müssen den Versicherungsunternehmen gegenüber unsere Standpunkte klarmachen“, so Robert Almanas, Head of International Services, SIX Securities Services. In diesem Zusammenhang betrachtet er das globale Collateral Management als Kernbereich, in dem die FMI die Versicherungswirtschaft dabei unterstützen könnten, sich dem zunehmenden Koordinierungsbedarf zu stellen.

 

“Die grosse Frage, mit der wir uns heute beschäftigen, ist, wie man langfristige Investitionen gegenüber kurzfristigen Anlagen erleichtern kann.”

Edouard de Lencquesaing
European Institute for Financial Regulation

Die Stärke der Position der Versicherer gegenüber den FMI ist, dass sie die meisten Trümpfe in der Hand halten (wenn man ihre Vermögenswerte so beschreiben kann). Die Herausforderung besteht darin, dass regulatorische Eingriffe für geänderte Spielregeln sorgen. Was die Versicherungsunternehmen von den FMI erwarten, ist Transparenz, Sicherheit und ein schneller Zugang zu sauberer Liquidität. Was sie nunmehr aber zusätzlich benötigen, ist der Zugriff auf Lösungen, mit denen sie die Veränderungen auch nutzen können, die durch die Regulierung von FMI und ihren Verfahren zustande gekommen sind. Wird dieser Bedarf auch erfüllt? Vielleicht wäre die beste Antwort darauf ein Hinweis, dass die Versicherungsunternehmen hinsichtlich der langfristigen Stabilität der FMI die richtigen Institutionen am richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind. De Lencquesaing: „Die grosse Frage, mit der wir uns heute beschäftigen, ist, wie man langfristige Investitionen gegenüber kurzfristigen Anlagen erleichtern kann.“ Vielleicht sollte man die Antwort bei einem Versicherungsunternehmen suchen. •

Downloads

Sleeping giants must stir, Englisch

No. 4 - Welcome to the fourth edition of Radar - Page 14: Sleeping giants must stir