Die ungeplanten Folgen der Verschuldungsquoten

Die ungeplanten Folgen der Verschuldungsquoten

Ist der jüngst verzeichnete Rückgang am Repo-Markt auf die risikomindernden Massnahmen der Zentralbanken zurückzuführen und haben diese Massnahmen den gewünschten Effekt auf die Marktpraxis?

Die Befürworter einer strengeren Regulierung der Finanzierungstätigkeiten vertreten die Auffassung, dass die Risiken aus dem globalen Finanzsystem irgendwie ausgelagert werden müssen, um einige der Schwachstellen des Systems zu beseitigen. Wie jedoch Richard Grasso, ehemaliger Vorsitzender und CEO der New York Stock Exchange einmal gesagt hat: „Jede gesetzliche oder regulatorische Massnahme, die in der Hitze des Gefechts ergriffen wird, hat auch immer ungeplante Konsequenzen.“

In den letzten Monaten sind die regulatorischen Neuerungen für das Collateral Management, und insbesondere die Repo-Geschäfte, in den Fokus gerückt. In einer Studie über Collateral Management, die im Dezember 2012 von SIX Securities Services bei Industrieteilnehmern in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland durchgeführt und Anfang Mai veröffentlicht wurde, waren 45% der Teilnehmer der Meinung, dass Collateral Management eine Massenware zu werden droht. Für weitere 30% ist Collateral Management bereits eine Massenware. „Ich denke, diese Ergebnisse würden sich deutlich verändern, wenn es tatsächlich zu Unterdeckungen beim Collateral kommen würde“, teilte Robert Almanas, Head of International Services bei SIX Securities Services, Radar mit. Der Zugang zu Collateral (Sicherheiten), die Optimierung von Collateral und eine kontinuierliche Compliance hinsichtlich der sich verändernden Regulierung werden seiner Meinung nach umfassende Dienstleistungsfähigkeiten erfordern. „Es ist schwer vorstellbar, dass Entscheidungen in diesem Zusammenhang ausschliesslich ‹auf dem Nutzwert basierend› gefällt werden. Im Entscheidungsfindungs-prozess müssen Kriterien in Bezug auf Mehrwertdienstleistungen berücksichtigt werden“, betont Almanas. „Es ist eine erschreckende Aussicht, dass im heutigen Markt über ein Drittel der Finanzinstitute bereit sind, Sicherheiten zu akzeptieren, nur weil sie billig sind.“

 

 

"Wenn unser Wettbewerb auch die Qualität der Sicherheiten umfasst, die unsere Mitbewerber bereit sind zu akzeptieren, steht ‹einem Wettlauf nach unten› nichts mehr im Wege."

Robert Almanas
SIX Securities Services

 

So wundert es nicht, dass 57% der Teilnehmer angaben, dass der Preis der Sicherheiten wichtiger sei als ihre Qualität. 48% der Teilnehmer sagten, dass im Wettrennen nach Sicherheiten die Verbriefung und Umstrukturierung bestehender Portfolios zur Schaffung von neuen Collateral-Pools weitere Risiken bergen könne und damit den Grundstein für eine neue Krise lege. „Wenn unser Wettbewerb auch die Qualität der Sicherheiten umfasst, die unsere Mitbewerber bereit sind zu akzeptieren, steht ‹einem Wettlauf nach unten› nichts mehr im Wege“, stellt Almanas fest.

In der Branche wird seither diskutiert, ob der Kern des Problems ein globaler Mangel an Sicherheiten oder die Knappheit an Sicherheiten sei, weil diese zwar vorhanden, aber zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Das Repo-Geschäft nimmt eine fundamentale Rolle für das Management dieser Sicherheiten ein. Anfang des Jahres, als die Einführung einer Finanztransaktionssteuer (FTS) fieberhaft in der Branche diskutiert wurde, veröffentlichte der European Repo Council (ERC) der ICMA ein Papier, in der auf die Bedeutung von Sicherheiten für die Stabilität und Effizienz des Finanzsystems hingewiesen wird. In diesem Bericht wird festgestellt, dass die weltweiten Regulierungsinitiativen wie etwa Basel III auf einem noch grösseren Einsatz von Collateral basieren. „Collateral ist entscheidend für die Vermittlung der Kredite über das Finanzsystem an die Realwirtschaft, wodurch es eine makroökonomische Bedeutung erhält“, wird weiter ausgeführt. „Zudem stellt Collateral die Verbindung zwischen den Finanzmärkten und Zentralbanken her und ist daher für die Ausübung der Geldpolitik massgeblich.“ Richard Comotto, Gastwissenschaftler am ICMA Centre an der Universität Reading und Autor des Berichts, weist darauf hin, dass Collateral im Repo-Markt bewertet, mobilisiert und verlagert wird.

 

 

"Bei den heutigen Finanzmärkten stellen Sicherheiten den Rohstoff dar, der die von der G20 festgelegten regulatorischen Anforderungen für ein sichereres, zentrales und bilaterales Clearing und für die Umsetzung der Geldpolitik der Zentralbank untermauert."

Godfried De Vidts
European Repo Council

„Jeder Hauseigentümer kennt den Wert von Sicherheiten, da Baufinanzierer Hypothekarkredite nur gegen die Sicherheit von Ziegeln und Mörtel vergeben“, bemerkt der ERC-Vorsitzende Godfried De Vidts. „Ähnlich ist es bei den heutigen Finanzmärkten: Sicherheiten stellen den Rohstoff dar, der die von der G20 festgelegten regulatorischen Anforderungen für ein sichereres, zentrales und bilaterales Clearing und für die Umsetzung der Geldpolitik der Zentralbank untermauert.“

Ende August 2013 wurde jedoch eine Bedrohung für die Finanzmärkte festgestellt, und zwar in der Form einer zusätzlichen Verschuldungsquote (supplemental leverage ratio), die sowohl von der Federal Reserve Bank als auch von Bankenregulierern in anderen wichtigen Märkten vorgeschlagen wurde. Laut einem Bericht von Reuters sind führende Banker an der Wall Street der Auffassung, diese neue Massnahme „könne den Appetit auf US-Treasuries dämpfen und die Finanzierungskosten für zahlreiche Institute erhöhen.“

Die Bankaufsichtsbehörden waren offenbar besorgt, dass der Repo-Markt unter Druck instabil wurde. „Ein Ansturm auf Lehman Brothers im Repo-Markt im Jahr 2008 war eine der Hauptursachen für den Zusammenbruch der Investmentbank“, zitiert Reuters eine Quelle aus dem Finanzministerium.

Comotto ist davon überzeugt, dass die Befürchtungen der Banken über die Auswirkungen der neuen Massnahme begründet sind: Diese zusätzliche Verschuldungsquote könnte die Repo-Branche schwer schädigen und die Banken dazu verleiten, risikoreichere Anlagen in ihrem Bestand zu halten.

Diese zusätzliche Verschuldungsquote wurzelt in der Überzeugung, dass sich die Berechnung der Eigenkapitalquoten auf der Basis von risikogewichteten Aktiva als unzureichend erwiesen hat und Risikogewichtungen prozyklische Auswirkungen hatten. In der aktuellen Version der Verschuldungsquote wird ein Netting für Repo-Geschäfte durch die Bankenregulierer untersagt: Wird in einem Repo-Geschäft Geld ausgeliehen und verliehen, dürfen die beiden Transaktionen nicht genettet werden. Laut Comotto werden die Banken dadurch ermutigt, risikoarme Aktiva zu veräussern und ihr Geschäft auf risikobehaftete Aktiva zu fokussieren. „Wenn Banken Staatsanleihen in ihrer Bilanzsumme aufführen, geltend diese als niedrig gewichtete Aktiva, für die nur ein geringes Eigenkapital [z.B. 1%] als Deckung vorgeschrieben ist, weil ihr Risiko gering ist“; erklärte er gegenüber der Zeitschrift Global Custodian. „Wenn die Bank 1% Eigenkapital für diese Positionen hält, und die neue Verschuldungsquote plötzlich eine Kapitaldeckung von mindestens 3% vorschreibt, muss das Eigenkapital verdreifacht werden. Hält die Bank dagegen ein risikobehaftetes Aktivum mit einer Risikogewichtung von 5%, ist das kein Problem, denn sie hält ja bereits 5%.“

 

 

"Repo richtet sich grundsätzlich gegen Staatsanleihen. Es ist ein margenschwaches Geschäft, jedoch ein rentables, da es bisher ein Geschäft mit niedriger Kapitalintensität war."

Richard Comotto
ICMA

Laut Comotto wird durch diese Regelung das Repo-Geschäft erheblichen Schaden nehmen. „Es richtet sich grundsätzlich gegen Staatsanleihen. Es ist ein margenschwaches Geschäft, jedoch ein rentables, da es bisher ein Geschäft mit niedriger Kapitalintensität war. Wird das Repo-Geschäft jetzt aufgrund der Verschuldungsquote kapitalintensiv, werden die meisten Banken das Repo-Geschäft zurückfahren. Steigen die Banken aber aus dem Repo-Geschäft aus, trocknet auch die Liquidität im Repo-Markt aus und die Kosten der Anleihen, insbesondere der Staatsanleihen, steigen.“

„Die ganze Struktur von Basel setzt auf den verstärkten Einsatz von Sicherheiten“,
sagt Comotto, „aber im Grunde besagt die Regelung, wenn du Geld verleihst, weil Sicherheiten dagegen stehen, wird das durch diese höhere Kapitaldeckung bestraft.“

Die Sommermonate sind in Europa und in den USA in der Regel kein guter Zeitpunkt, um langfristige Marktentwicklungen erkennen zu können. Es wird daher im kommenden Winter interessant sein zu sehen, ob sich die Befürchtungen hinsichtlich der ungeplanten Folgen der neuen Vorschriften zur Verschuldungsquote realisieren werden.•