Von aussen nach innen

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Die Schweiz ist darauf bedacht, zu gewährleisten, dass der eigene Finanzsektor im T2S-Projekt der Eurozone nicht ins Hintertreffen gerät.

Als Nicht-Mitgliedstaat der EU und mit dem Schweizer Franken (CHF) als Landeswährung ist die Implementierung von TARGET2-Securities (T2S) für die Marktteilnehmer in der Schweiz um einiges erschwert. T2S wurde von der Europäischen Zentralbank (EZB) als Plattform konzipiert, über die Zentralverwahrer (Central Securities Depositories, CSDs) Abwicklungsinstruktionen nach dem Grundsatz «Lieferung gegen Zahlung» für Wertschriften in Zentralbankgeld ausführen können.

Die erste von vier Migrationswellen auf T2S beginnt im Juni 2015, die zweite Welle folgt im März 2016, die dritte Welle im September 2016 und die finale Migration ist für Februar 2017 vorgesehen. SIX SIS, der CSD der Schweiz, wird an der ersten Migrationswelle teilnehmen, zusammen mit den CSDs aus Griechenland, Italien, Malta und Rumänien. Die Direktanbindung an die T2S-Plattform, «T2S Direct» genannt, erfolgt von der Zentrale von SIX SIS in der Schweiz aus.

T2S ist ein wichtiges Projekt für das Eurosystem und für Europa und wird jeden Teilnehmer im Post-Trade-Bereich betreffen. T2S wurde mit Blick auf die kostspielige Fragmentierung der Marktinfrastruktur für die Wertschriftenabwicklung konzipiert und wird einen zentralen Bestandteil der europäischen Marktinfrastruktur darstellen. Kurz gesagt besteht der Hauptzweck von T2S darin, eine effiziente und integrierte Wertschriftenabwicklung zu ermöglichen.

Obwohl T2S als Plattform für mehrere Währungen entwickelt wurde, wird nur die Abwicklung in Euro möglich sein, wenn T2S in Betrieb genommen wird. Der Schweizer Franken zum Beispiel ist noch keine T2S-Währung. Die EZB hofft, dass T2S auch über den Euroraum hinaus eingesetzt werden kann, damit interessierte Zentralbanken ausserhalb der Eurozone sich mit ihren Landeswährungen anschliessen können. Wertschriftentransaktionen werden in Euro, aber auch in anderen verfügbaren Währungen als dem Euro abgewickelt werden können.

Als sowohl inländischer als auch internationaler CSD hat sich SIX SIS für die Teilnahme an T2S entschieden. Mit der Direktanbindung an T2S stellt der CSD die Abwicklung von Wertschriften aus der Schweiz und Liechtenstein in Zentralbankgeld für alle Nutzer von T2S bereit. Die Schweizer Marktteilnehmer müssen Anpassungen vornehmen, die für die Nutzung der Plattform notwendig sind.

Die Kunden von SIX SIS können zwischen zwei Modellen der T2S-Anbindung wählen – Teilnehmer mit indirekter Anbindung oder Teilnehmer mit direkter Anbindung – sowie zwischen verschiedenen Modellen für die Geldkonten und Wertschriftendepots im Rahmen der T2S-Direct-Lösung. Das Zusatzangebot eines Kontobetreibers (Account Operator Model) gewährleistet den Kunden eine grössere Flexibilität bei der Erfüllung ihrer individuellen Anforderungen.


 

 

 

«Eine der grössten Herausforderungen für die Umsetzung von T2S in der Schweiz steht in Zusammenhang mit den kleineren Banken»

Maike Bechtel
Citi

Lokale Aktivitäten

Die T2S Swiss National User Group (SNUG) hat mit SIX SIS an den Einzelheiten dieser Lösung gearbeitet. Die 14 Mitglieder dieses Gremiums sind Vertreter von SIX SIS,
SIX Group und SIX SIC (Swiss Interbank Clearing), sowie von der Schweizerischen Nationalbank (SNB), der Schweizerischen Bankiervereinigung, UBS, Citi und Credit Suisse. Nicht beteiligt sind allerdings direkte Vertreter aus dem Kreis der Privatbanken, Kantonalbanken und Genossenschaftsbanken, die charakteristisch für den Schweizer Markt sind.

«Eine der grössten Herausforderungen für die Umsetzung von T2S in der Schweiz steht in Zusammenhang mit den kleineren Banken», sagt Maike Bechtel von Citi und Mitglied der Swiss National User Group. «Diese Gruppe hat Druck auf SIX SIS ausgeübt, um sicherzustellen, dass die Migration auf T2S reibungslos erfolgt und nicht kostenintensiv wird. Zugleich hatte SIX SIS gewisse Schwierigkeiten, diese Banken auf das Problem aufmerksam zu machen und sie davon zu überzeugen, dass sich bestimmte Prozesse ändern müssen.» Die grösseren Banken haben, so Bechtel, seit Jahren eigene Teams, die an T2S arbeiten, und sie sind sich sowohl des Projekts als auch der Vorgehensweise und Anforderungen von SIX SIS sehr bewusst.

Aufgrund der Anzahl der Banken am Markt – 24 Kantonalbanken und 328 Genossenschaftsbanken – ist es schwierig, einen Konsens betreffend T2S zu erreichen. Die ersten Gespräche, die SIX SIS mit den Banken über T2S geführt hat, haben Unstimmigkeiten zwischen den grösseren Banken und den kleineren Banken hinsichtlich der besten Vorgehensweise für die Initiative aufgezeigt. Durch die Fokussierung auf eine Kerngruppe von Banken und eine enge Zusammenarbeit mit dieser Gruppe konnte jedoch ein Konsens über die beste Option für den Schweizer Markt erzielt werden.

«Das Ziel von T2S SNUG ist es, sicherzustellen, dass die Schweizer Marktteilnehmer als Ganzes auf die Teilnahme an T2S im Jahr 2015 gut vorbereitet sind», erklärt Robert Rickenbacher, ehemaliger Vorsitzender der SNUG. «Aufgrund der Tatsache, dass die Schweiz nicht zur EU gehört und den Schweizer Franken (CHF) als Landeswährung hat, erhöht sich die Komplexität. Damit sind andere potenzielle Teilnehmer nicht konfrontiert. SIX Securities Services wird weiterhin mit der SNB und der EZB erörtern, welche Option für den Zugang zu T2S am besten geeignet ist, wobei die vorhandene Funktionalität und Infrastruktur in Form von SIX SIS AG – die für die Abwicklung zuständige Tochtergesellschaft – genutzt werden.»

Bechtel stimmt zu und hebt hervor, dass sich die Schweiz als Nichteuroland der Herausforderung stellen musste, Wege zu finden, die Plattform zu übernehmen, ohne den lokalen Schweizer Markt zu beeinträchtigen. «Die Einhaltung der Regeln und Vorschriften von T2S stellt eine Herausforderung dar, insbesondere was die Harmonisierung der Vorschriften betreffend Corporate Actions angeht», ergänzt sie.

In der Schweiz unterscheidet sich die Herangehensweise zu T2S von anderen Ländern, in denen der gesamte Markt zu T2S wechselt, fügt sie hinzu. «In der Schweiz werden lediglich 5 % aller Transaktionen in Euro abgewickelt. Der Markt musste eine Lösung finden, die es ermöglicht, T2S für einen Teil des Marktes zu übernehmen. Dazu musste ein neuer Positionstyp (Position Type) geschaffen und auch die Abwicklungslogik bei den Banken angepasst werden.»


 

 

 

«Aufgrund der Tatsache, dass die Schweiz nicht zur EU gehört und den Schweizer Franken (CHF) als Landeswährung hat, erhöht sich die Komplexität. Damit sind andere potenzielle Teilnehmer nicht konfrontiert»

Robert Rickenbacher
SNUG

Optionen von SIX

SIX SIS hat sich verpflichtet, ihren Bestandskunden einen reibungslosen Zugang zu den T2S-Märkten und zur Abwicklung in Zentralbankgeld zu gewähren. Die technischen und betrieblichen Auswirkungen für die Teilnehmer wurden so gering wie möglich gehalten. Auf der letzten SNUG-Sitzung vom Februar 2013 (die Sitzungen finden einmal jährlich statt und die Protokolle werden online gestellt) wurden jedoch Bedenken im Hinblick auf die Ungewissheit geäussert, was die betrieblichen Auswirkungen der T2S-Anbindung betrifft. SIX SIS hat nach eigenen Angaben einen umfassenden Plan ausgearbeitet, der gewährleisten soll, dass die Kunden über alle Phasen – Planung, Analyse, Entwicklung und Tests – ausführlich informiert werden, damit sie sich daran beteiligen können. Die Verbindung von SIX SIS zu T2S wird dieselbe Technologie und Kundenschnittstelle nutzen, die auch für den heimischen Markt eingesetzt wird. Damit werden die Auswirkungen auf die Kunden begrenzt.

Ausserdem bietet eine Direktanbindung an T2S den Nutzern von SIX SIS und potenziellen Nutzern einen problemlosen Zugang zu internationalen Sicherheitenpools und zu den Multiwährungs-Repofazilitäten der Schweizerischen Nationalbank (SNB Multicurrency Repo). Der direkte, nicht vermittelte Zugang zu T2S wird laut SIX SIS die Prozesskomplexität und die Kosten verringern. Die Benutzer erhalten zudem Zugang zu hoch entwickelten Funktionen im Bereich des grenzüberschreitenden Asset-Servicing, mit profundem Fachwissen in Aktien und eigenständigen, «entbündelten» Dienstleistungen, die von verschiedenen Anbietern bezogen werden. Aufgrund der entbündelten Preisgestaltung und Bereitstellung des Angebots wird das Kostenmanagement für die Kunden vereinfacht.

Mit T2S Direct haben die SIX SIS-Benutzer die Möglichkeit, Wertschriften aus allen T2S-Märkten in einem Pool zusammenzulegen. Das Triparty Collateral Management ermöglicht den optimalen Einsatz der Vermögenswerte als Sicherheiten. Das Cash Pooling auf einem einzigen Konto wird ebenfalls möglich sein, da SIX SIS als Bank gegründet wurde und Bankdienstleistungen anbieten darf.


«Für die Akteure im Post-Trade-Bereich wird der teilweise Übergang von einem Alles-aus-einer-Hand-Komplettangebot zu einem hocheffizienten, kostengünstigen und modularen Dienstleistungsangebot eine der grössten Herausforderungen werden.»

Florentin Soliva
UBS

Erforderliche Massnahmen

Da die Frist für die erste Welle der T2S-Migration bald endet, ist die T2S-Anbindung die dringlichste Aufgabe für die Schweizer Marktteilnehmer. Gleichzeitig sollten diese Unternehmen auch die neuen Dienstleistungen und Chancen prüfen, die sie im Rahmen von T2S nutzen können. Die Organisationen, die sich für einen Direktzugang zu T2S entschieden haben, müssen nicht nur ihre Konformität sicherstellen, sondern auch, dass sie alle für T2S notwendigen Änderungen analysiert und verstanden haben. Zudem müssen sie sicherstellen, dass sie die für T2S verwendeten XML-Standards kennen und dass ihre Systeme die Informationen aus dem Backoffice in T2S-Meldungen umsetzen und abbilden können.

«Es steht ausser Zweifel, dass T2S nicht nur erhebliche Auswirkungen auf das Infrastrukturumfeld haben wird, sondern auch auf die strategische Ressourcenverteilung der Banken, die als Dienstleister auftreten», hat SNUG-Mitglied Florentin Soliva von UBS in dem Artikel «Entwicklungen im Post-Trading-Bereich von Wertschriften» (Progress in the securities "post trading" area - Significant changes ahead for infrastructures and market participants) aus dem Jahr 2010 festgestellt. «Mit T2S wird die Abwicklung zu einem wenig profitablen Massenprodukt für die CSDs werden. Die Einkünfte werden primär mit anderen Dienstleistungen erzielt werden müssen. Zudem wird die Vision des T2S-Modells dazu führen, dass die lokalen Wertschriftenverwahrer an Bedeutung verlieren werden, da die CSDs diesen Teil des Dienstleistungsangebots übernehmen werden. Nur einige wenige CSDs werden in der Lage sein, diesen Schritt zu gehen oder sich zu einer europaweiten, zentralen Anlaufstelle zu entwickeln.» Nach Soliva seien Kooperationen und Kolidierungen wahrscheinlich. Relativ gesehen sei jedoch laut Soliva die Schweizer Infrastruktur (SIX Group) gut für diesen Wettbewerb aufgestellt. «Den Banken werden Chancen geboten. Sowohl die lokalen Akteure als auch globale Depotstellen (Global Custodians) werden ihre Ressourcen und Tätigkeiten strategisch und zeitnah positionieren müssen.»

Als Global Player wird UBS diese Änderungen auch weiterhin verfolgen, damit jede sich darauf ergebende Chance genutzt werden kann», sagt Soliva. «Was die Schweiz angeht, trifft das nicht nur auf UBS zu, sondern in Bezug auf die Positionierung des europäischen Cross-Border-Geschäfts auf den gesamten Schweizer Finanzplatz. Für die Akteure im Post-Trade-Bereich wird der teilweise Übergang von einem Alles-aus-einer-Hand-Komplettangebot zu einem hocheffizienten, kostengünstigen und modularen Dienstleistungsangebot eine der grössten Herausforderungen werden.» •