Die erste T2S-Welle: Warum sind Sie dabei?

Die erste T2S-Welle: Warum sind Sie dabei?

TARGET2-Securities (T2S) soll im Juni 2015 live gehen. Zu den Teilnehmern der ersten Migrationswelle zählen CSDs wie SIX SIS AG, Monte Titoli, die Bank von Griechenland, Malta Stock Exchange und Depozitarul Central aus Rumänien. Radar hat mit dreien dieser CSDs über ihre Fortschritte mit Blick auf die T2S-Einführung gesprochen und sie gefragt, warum sie Teil der ersten Runde sein wollten.

Teilnehmer

Christophe Lapaire, 
Programmdirektor T2S, SIX Securities Services 

Mauro Dognini, 
Geschäftsführer, Monte Titoli

Dr. Robert Vella-Baldacchino, 
stellvertretender Geschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Malta Stock Exchange

Wie weit sind Sie mit den abschliessenden Vorbereitungen für T2S?

Christophe Lapaire: Es geht sehr gut voran. Wir sind genau in unserem wie auch im Plan der EZB. Ende September hat die EZB ihre Abnahmetests abgeschlossen. Das bedeutet, dass die Software jetzt für die Tests durch die CSDs bereitsteht. Im Oktober haben wir mit den Interoperabilitätsprüfungen begonnen, Ende des Jahres werden die CSDs dann ihre Abnahmetests durchführen. Aus Sicht der Kunden ist die wichtigste Phase natürlich die der Tests zur Anbindung, die für die CSDs der ersten Migrationswelle im März 2015 starten wird.

Mauro Dognini: Monte Titoli ist in einer starken Position. Wir haben mit den Funktionsprüfungen begonnen und werden in den nächsten sieben Monaten weiter eng mit unseren Kunden zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass alle bereit sind und wir einen gemeinsamen Zugang zu allen T2S-Märkten anbieten können.

Robert Vella-Baldacchino: Die technische und fachliche Vorbereitung für die geplante Freischaltung von T2S am 22. Juni 2015 ist bei der Malta Stock Exchange (MSE) schon sehr weit fortgeschritten. Der Aufbau der notwendigen Infrastruktur und die Projektplanung begannen bereits kurz nach der Entscheidung der MSE, an der ersten Migrationswelle teilzunehmen. Unsere CSD-Software wurde vor einem Jahr komplett überarbeitet, um die Kompatibilität zwischen T2S und MaltaClear®, dem Wertschriftenabwicklungssystem der MSE, zu gewährleisten.

Vor kurzem beteiligte sich die MSE auch an der T2S-Generalprobe («Migration Weekend Dress Rehearsal»), um zu zeigen, dass die Schnittstelle zwischen T2S und der Datenbank von MaltaClear technisch funktioniert. Die MSE hat ihren «MSE T2S Adaptation Plan» publiziert und sich ausgiebig mit der nationalen T2S-Nutzergruppe auf dem maltesischen Markt, mit von der MSE als CSD bedienten Emittenten und mit dem MSE College of Stockbrokers abgestimmt.

Durch die Übernahme des so genannten «Schichtmodells» wird die MSE alle CSD-Konten von Endanlegern in einem auf der T2S-Plattform zu eröffnenden technischen T2S-Sammelkonto zusammenfassen. Im Namen aller anderen Clearingmitglieder, Börsenmakler und Banken von MaltaClear wurden bereits technische T2S-Teilnehmerkonten eröffnet. Nach weiteren Funktionstests freut sich die MSE jetzt auf den Beginn der «Community»-Tests mit den geschäftlichen Nutzern ab dem 5. März 2015.


 

«Wir lagern unsere Abwicklung nicht wie andere CSDs aus. Die Kunden stehen bei uns immer im Mittelpunkt, und unsere Kunden erwarten von uns, dass sie auch nach Einführung von T2S dieselben Dienstleistungen bekommen.»

Christophe Lapaire
SIX Securities Services

Haben Sie den Eindruck, dass die CSDs der ersten Migrationswelle den Plan der EZB insgesamt einhalten und im Zeitplan liegen?

Lapaire: Im Zusammenhang mit T2S treten zahlreiche technische Schwierigkeiten auf, aber das ist bei einem so komplexen Projekt nicht verwunderlich. Mängel werden der EZB gemeldet und wie bei jedem gross angelegten Softwareprojekt gelöst.

Die Situationen der verschiedenen CSD der ersten Welle sind sehr unterschiedlich. Drei von fünf werden als Nutzer direkt an die T2S-Software angebunden sein. Monte Titoli und SIX SIS hingegen sind grosse Unternehmen und müssen die Anbindung daher von Anwendung zu Anwendung vornehmen, was sehr viel komplexer ist.

Warum sind Sie in einer guten Position, um an der ersten Migrationswelle teilzunehmen?

Dognini: Wir sind und bleiben engagierte T2S-Champions und investieren seit dem Beginn 2006 in unsere Technik und Bereitschaft. Um sicherzugehen, dass wir als Teilnehmer der ersten Runde in Frage kommen, haben wir die ganze Zeit über in unsere Technologie und Infrastruktur investiert. Unsere flexible Technologie hat es uns ermöglicht, gleichzeitig unsere neuen Asset-Servicing-Kapazitäten und unsere
Collateral-Management-Plattform zu entwickeln, so dass Monte Titoli mit Beginn von T2S im Juni 2015 wie kein anderes Unternehmen in der Lage sein wird, neue und bestehende Kunden zu bedienen.

Ausserdem hat die London Stock Exchange Group vor kurzem einen neuen CSD mit Sitz in Luxemburg gegründet, globeSettle, der die IT- und Betriebs-Expertise von Monte Titoli wirksam einsetzen wird. Mit zwei CSDs kann die London Stock Exchange Group ihren Kunden mehr Wahlfreiheit und Flexibilität anbieten.

Vella-Baldacchino: Um einen nahtlosen Übergang zwischen dem heimischen Markt und den internationalen Märkten sicherzustellen, hat MaltaClear einige Jahre lang sein Clearing und seine Abwicklung mit Clearstream gekoppelt. Die MSE arbeitet über die XETRA-Technologie bei der Wertschriftenabwicklung auch mit der Deutschen Börse zusammen. Die Teilnahme am T2S-Projekt des Eurosystems war daher eine natürliche Folge der Strategie der MSE und der nächste klare Meilenstein.

Als schlanke und flexible Organisation weiss die MSE die Vorteile der Auslagerung von Clearing und Abwicklung an T2S zu schätzen. Die Prozesse und Abläufe von MaltaClear können zweckdienlich so verändert werden, dass sie den T2S-Spezifikationen und -Anforderungen und zugleich anerkannten europäischen Standards entsprechen.

Lapaire: SIX Securities Services hat von Anfang an klar kommuniziert, dass wir Teil der ersten Migrationswelle sein möchten. Das war eine strategische Entscheidung. SIX ist nicht der grösste CSD, wenn man das Volumen betrachtet, da der Schweizer Franken bei T2S nicht berücksichtigt ist. Wir sind aber die Nummer 1 bei der Marktabdeckung. SIX bedient 68 Märkte und bietet ergänzend zum klassischen CSD-Angebot umfassende Anlage- und Steuerdienstleistungen. Das macht uns durchaus einzigartig.

Aufgrund dieser Unternehmensstruktur war es für uns sehr wichtig, T2S nicht zu einem späteren Zeitpunkt mit sehr viel höheren Volumen beizutreten. Wir werden unser eigenes Abwicklungssystem beibehalten und T2S zusätzlich anbieten. Auch das unterscheidet uns von Anderen. Wir lagern unsere Abwicklung nicht wie andere CSDs aus. Die Kunden stehen bei uns immer im Mittelpunkt, und unsere Kunden erwarten von uns, dass sie auch nach Einführung von T2S dieselben Dienstleistungen bekommen.



 

«Als Teilnehmer der ersten T2S-Welle können wir ein breiteres, internationaleres Kundenspektrum bedienen.»

Mauro Dognini
Monte Titoli

Welche Vorteile bringt es Ihrem Markt, dass Sie in der ersten T2S-Gruppe sind?

Vella-Baldacchino: Für die MSE bietet es viele Vorteile. Aber der grösste Vorteil für Malta ist die Einführung eines international anerkannten optimalen Standards für Clearing und Abwicklung mit einer umfassenden, hochmodernen technischen Infrastruktur des Eurosystems. Die MSE kann nun zuversichtlich in die Zukunft blicken und ihre Ressourcen darauf konzentrieren, bestimmte Kundenbedürfnisse zu erfüllen und Nischen abzudecken, die von grösseren Mitbewerbern und Unternehmen häufig übersehen werden. Nach der erfolgreichen Migration zu T2S im Juni 2015 möchte die MSE ausserdem ihre regionale und internationale Strategie weiter ausbauen, ihre Verbindungen zu internationalen Märkten stärken und neue kompatible Netzwerkmöglichkeiten entwickeln.

Lapaire: Zunächst einmal geht es darum, die Komplexität und das Risiko für SIX Securities Services und unsere Kunden zu senken. Der Schweizer Markt ist in T2S vertreten, aber der Schweizer Franken ist derzeit keine mögliche T2S-Währung. Die Abwicklung in Euro für die Schweizer Märkte wird deutlich unter zehn Prozent des Schweizer Marktvolumens liegen. Eine Migration mit einem geringeren Volumen bedeutet für unsere Kunden, dass sie sich besser darauf konzentrieren können, Abwicklungs- und Corporate-Action-Standards anzugleichen. Die CSDs der zweiten und dritten Runde werden mit sehr viel grösseren Volumen umgehen müssen, wenn sie mit ihren Kunden migrieren.

Dognini: Als Teilnehmer der ersten T2S-Welle können wir ein breiteres, internationaleres Kundenspektrum bedienen. Wir arbeiten bereits an der Weiterentwicklung unserer Collateral-Management-Dienstleistungen, die in unser Kerngeschäft integriert werden könnten. Wir glauben auch an die Chance, sowohl unsere Volumen als auch unseren Kundenstamm zu erweitern, wenn es uns gelingt, von unserem Vorteil als Teilnehmer der ersten Runde zu profitieren.


 

«In der Tat werden die Marktteilnehmer wohl den Umfang der Änderungen in Frage stellen, die T2S mit sich bringt. Ein grosser Teil davon ist der naturgegebenen instinktiven Angst geschuldet, die jede Marktveränderung begleitet.»

Robert Vella-Baldacchin
Malta Stock Exchange

 

Sind Ihnen potenzielle «unbeabsichtigte Folgen» der T2S-Einführung begegnet?

Dognini: Monte Titoli hat von Beginn des Projekts an eng mit den Behörden und Kunden zusammengearbeitet, deshalb haben wir bisher während der Umsetzung noch keine Überraschungen erlebt.

Lapaire: Ich bin mir nicht sicher, ob die Folgen unbeabsichtigt sind. Klar ist allerdings, dass bisher nicht allen die Folgen von T2S bewusst sind. T2S setzt neue Post-Trade-Standards, was sich auf das Geschäftsmodell aller Teilnehmer auswirken wird – nicht nur auf das der CSDs, sondern potenziell auch auf das der globalen Depotstellen und grossen Akteure. Derzeit konzentriert sich der Markt auf die technische Umsetzung, aber das volle Potenzial von T2S wird sich erst nach den bevorstehenden regulatorischen Änderungen wie der derzeit vorbereiteten neuen europäischen Regeln zur Verbesserung der Wertpapierabrechnungen in der Europäischen Union und über Zentralverwahrer (Central Securities Depositories Regulation, CSDR) zeigen.

Aktuell haben COOs und CTOs T2S auf dem Schirm, aber schon bald wird es ins Blickfeld von CFOs und CEOs rücken. Sobald die verschiedenen Gesetzestexte eingeführt und umgesetzt sind, werden die technischen Aspekte in den Hintergrund und die Vorteile zu Tage treten. Und sie werden umgesetzt werden. Die Frage ist nicht, ob, die Frage ist, wann.

Vella-Baldacchino: Wie heisst es so schön: «Ohne Fleiss kein Preis.» Die T2S-Einführung bildet da keine Ausnahme. In der Tat werden die Marktteilnehmer wohl den Umfang der Änderungen in Frage stellen, die T2S mit sich bringt. Ein grosser Teil davon ist der naturgegebenen instinktiven Angst geschuldet, die jede Marktveränderung begleitet. Die kürzlich erfolgte europaweite Umstellung des Abwicklungszyklus auf Kassamärkten von T+3 auf T+2 wurde zunächst auch kritisch gesehen, aber die Vorteile der Einhaltung eines europäischen Abwicklungsstandards, wie er jetzt auch in der CSDR verankert ist, behielten die Oberhand.

Die T2S-Einführung wird auch definitiv die orthodoxe Abwicklungspraxis stärken, die auf dem maltesischen Markt im Grossen und Ganzen bereits vorherrscht. Die MSE hatte in der Vergangenheit eine vernachlässigbare Zahl an Abwicklungsausfällen von Markttransaktionen aufzuweisen. Alles in allem besteht jedoch unserer Ansicht nach kein Zweifel, dass unter dem Strich die Vorteile der T2S-Einführung die potenziellen – und unvermeidlichen – unbeabsichtigten Folgen bei weitem übersteigen.

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