Einrennen offener Türen?

Einrennen offener Türen?

Die T2S-Berichterstattung in den Medien hat sich bisher auf die Sicht der Finanzintermediäre konzentriert. Teilen ihre Kunden diese Begeisterung?

Anfang 2014 veröffentlichte die Europäische Zentralbank (EZB) eine Reihe von Interviews, die Mehdi Manaa, Abteilungsleiter Market Infrastructure Development, Generaldirektion Marktinfrastrukturen und Zahlungsverkehr der EZB, mit Vertretern verschiedener Bereiche der Wertschöpfungskette (Emittenten, Investoren, Banken, CSD und CCP) geführt hatte.

Die Fragen bezogen sich sowohl auf unternehmerische als auch auf technische und regulatorische Überlegungen. Die Ausschnitte unten legen nahe, dass die Wahrnehmung der Folgen von T2S am Anfang der Wertschöpfungskette des Wertpapiergeschäfts alles Andere als einheitlich ist.


Der Anleger

Mick McAteer, Direktor des Financial Inclusion Centre
Vorsitzender der «Financial Services User Group» (FSUG; Finanzdienstleistungen)

Welche Vorteile können Anleger Ihrer Meinung nach von T2S erwarten?

In der Theorie sollte T2S spürbare Vorteile für die Endanleger haben. Seien wir ehrlich, die europäische Finanzmarktinfrastruktur ist irrwitzig komplex und fragmentiert – besonders im Vergleich zum US-amerikanischen System. Wenn T2S richtig umgesetzt wird, sollte ein grosser Teil der unnötigen Komplexität und Fragmentierung unserer Marktinfrastruktur behoben werden und zu einer Straffung der für Markttransaktionen kritischen Prozesse führen. Ausserdem sollte es theoretisch mehr Wettbewerb zwischen den Zentralverwahrern für Wertpapiere (Central Securities Depositories, CSD) geben. Dies könnte eine deutliche Absenkung der Abwicklungskosten nach sich ziehen. Wenn andere Teile der Wertschöpfungskette des Marktes funktionieren und die Regulatoren die Märkte wirksam überwachen, würde das wiederum sinkende Kosten für die echten Kunden der Finanzmärkte – Endanleger und Wirtschaftsbetriebe – bedeuten.

Genauso sollte T2S in der Theorie zum Entstehen stabilerer und robusterer Finanzmärkte beitragen. Eine weniger stark fragmentierte Infrastruktur und straffere Prozesse sollten ausserdem eine bessere Überwachung der Finanzmärkte und damit ein wirksameres Management systemischer Risiken ermöglichen.

Es gibt noch einen weiteren, weniger offensichtlichen Vorteil. Komplexität und Fragmentierung sind die Gegenspieler von Transparenz und Rechenschaftspflicht. Eine straffere und weniger fragmentierte Marktinfrastruktur wäre transparenter. Das bedeutet, dass es für die Gesellschaft und ihre Vertreter einfacher wäre, die verschiedenen Marktteilnehmer und Aufsichtsorgane zur Rechenschaft zu ziehen. Transparente und rechenschaftspflichtige Märkte sind auf lange Sicht effizienter und nachhaltiger und schaffen grösseres Vertrauen.


Vincent Dessard, Senior Policy Advisor, European Fund and Asset Management Association (EFAMA) 

Wie wird sich T2S Ihrer Meinung nach auf das Fonds- und Asset-Management auswirken?

Aus Sicht der Fonds- und Asset-Manager gehen wir nicht davon aus, dass sich T2S direkt auf das Asset-Management-Geschäft auswirkt. In der Tat fallen die meisten Asset-Management-Geschäfte weder in den Geltungsbereich der CSD-Verordnung noch in den von T2S.

Die direkte Auswirkung beschränkt sich auf Exchange Traded Funds (ETF), die auf den T+2-Abwicklungszyklus umstellen werden. Es gibt allerdings indirekte Auswirkungen:

  • auf den Kauf und Verkauf des zugrunde liegenden Vermögens;
  • auf das Collateral-Geschäft: Ferner könnte sich T2S negativ auf die Qualität des an Hedge Fonds gelieferten Collateral auswirken (sowohl für bilateral als auch für zentral geclearte Transaktionen), da es den Zugang zu Zentralbankgeld durch die Ausgabe von hochwertigen Anlagen gegen Kreditlinien ermöglicht.

Der Emittent

Markus Kaum, Abteilungsleiter bei der MunichRe
Vorsitzender der Joint Working Group on General Meetings 

Glauben Sie, dass T2S regulatorische Veränderungen nach sich ziehen wird, die für Emittenten relevant sind?

Die meisten Marktteilnehmer sehen T2S bisher als Abwicklungsmaschine ohne Auswirkungen auf das regulatorische Umfeld. Ich persönlich glaube, dass T2S effizientere und schnellere grenzüberschreitende Wertpapiergeschäfte ermöglichen wird und dass diese beiden Auswirkungen die Ineffizienz nationaler oder bestimmter Leistungsanbieter zu Tage treten lassen werden, da die Nutzer in der Lage sein werden, diese Angebote ungehindert zu beurteilen. Einige Finanzintermediäre argumentieren, dass noch vor der vollständigen Umsetzung von T2S «regulatorische Veränderungen» vonnöten seien, um vollen Nutzen aus der verbesserten Effizienz und Geschwindigkeit im Zusammenhang mit T2S zu ziehen. Diese Rufe nach Regulierung scheinen hauptsächlich Gesetzesvorschläge zu betreffen, bei denen sich herausgestellt hat, dass sie bisher für Anleger und Emittenten in ganz Europa nicht hinnehmbar waren.

Als Vertreter der Emittenten würde ich dafür argumentieren, T2S zunächst vollständig umzusetzen, bevor über regulatorische Änderungen diskutiert wird, die manche Marktteilnehmer für notwendig halten. Sowohl als Emittenten als auch als Anleger befürworten wir ganz entschieden den Ansatz, dass T2S die erhofften Ergebnisse in der Hauptsache über eine Verbesserung der Marktinfrastruktur erzielen sollte. T2S wird ja eine neue Ebene über den bestehenden nationalen Marktinfrastrukturen schaffen. Die erhofften Vorteile können nur dann erreicht werden, wenn die bestehende Marktinfrastruktur und IT-Technik, insbesondere bei den globalen und lokalen Depotbanken, ebenfalls verbessert werden. Damit könnten Emittenten und Anlegern modernste Abläufe angeboten werden.

Ich gehe nicht von einer Welle von regulatorischen Änderungen als Folge der T2S-Einführung aus. Nichtsdestotrotz gibt es bestimmte Bereiche, in denen regulatorische Änderungen notwendig sind, um die aktuelle Situation im Hinblick auf grenzüberschreitende Wertpapiergeschäfte zu verbessern. Das gilt insbesondere für die freie Ausübung des Rechts von Anlegern, die ein Wertpapier erworben haben. Aus Sicht eines Anlegers in Namenaktien ist es beispielsweise so, dass die Weitergabe von Aktionärsdaten vom Endanleger an den Emittenten auf allen grossen europäischen Märkten sehr gut funktioniert. Wenn es aber um die grenzüberschreitende Weitergabe dieser Endanlegerdaten geht, gibt es grosse, manchmal unüberwindbare Probleme. Die Einführung von T2S könnte sogar zu einem noch grösseren Mangel an Transparenz führen, insbesondere in Situationen, in denen der Wettbewerb unter den CSD dazu führt, dass Emittenten oder Investoren ihre klassischen Märkte mit Blick auf eine zentrale oder eigene Verwahrung ihrer Wertpapiere verlassen. Als Ergebnis der Forderung sowohl der Emittenten als auch der Anleger nach einer ungehinderten Ausübung der Aktionärsrechte über Grenzen hinweg – auf der Grundlage der gegenseitigen Kenntnis von Anlegern und Emittenten – gehe ich von einer regulatorischen Änderung aus. Diese würde europaweit klarstellen, dass die Endanlegerdaten von der Bank des Endanlegers an den Emittenten zu übermitteln sind. Dies kann sehr leicht erreicht werden und wird hoffentlich durch die Überarbeitung der Richtlinie über Aktionärsrechte erreicht werden.

Als weitere, wenn auch indirektere Konsequenz der steigenden grenzüberschreitenden Investitionen in Europa erwarte ich, dass die Vorschriften auf europäischer Ebene angeglichen und gelenkt werden. Beispielsweise ist derzeit der Berechtigungsnachweis, den ein Endanleger (Aktionär) einem Emittenten als Bestätigung vorlegt, in Europa nicht einheitlich. Ein von einer Bank für einen Kunden ausgestellter Nachweis wird unter Umständen aufgrund der Vorschriften von einem Emittenten in einem anderen Mitgliedstaat nicht anerkannt. Endanleger werden es nicht länger akzeptieren, dass sie ihre Aktionärsrechte wegen solcher Unterschiede nicht grenzüberschreitend geltend machen können.


Susannah Haan, Generalsekretärin, European Issuers

Inwieweit verfolgen die Emittenten das T2S-Programm?

Die meisten Emittenten verfolgen das Programm nicht wirklich – nur eine Minderheit meiner Mitglieder interessiert sich dafür. 

Denken Sie, dass sie Zugang zu den richtigen Dokumenten und Informationen mit einem angemessenen Detaillierungsgrad haben?

Nein, das glaube ich nicht. Unternehmen wollen überblicksartige Zusammenfassungen der für sie relevanten Schlüsselaspekte. Normalerweise gehen diese Dokumente für die meisten Emittenten viel zu sehr ins Detail. Das erklärt zum Teil auch das fehlende Interesse. Nützlich wäre hin und wieder eine einseitige Zusammenfassung in der Geschäftssprache, die Emittenten verstehen, d. h. nicht zu viel technische Fachsprache und mit einer Auswahl der für Unternehmen relevanten Themen. 

Glauben Sie, dies würde es ihnen ermöglichen, die Veränderungen und Chancen, die T2S für Emittenten mit sich bringt, zu bewerten? 

Die Gefahr für uns ist, dass T2S zu mehr grenzüberschreitenden Abwicklungen führt. Das bedeutet weniger Zugriff auf Informationen für Emittenten. Die Unternehmen verlieren also weiter Informationen über ihren Aktionärskreis, da dieser internationaler wird. Aus Sicht der Emittenten könnte T2S also eher eine Bedrohung als eine Chance darstellen. Diesen Schluss können wir aus Einzelberichten ziehen. Die CSD haben sicher einen besseren Zugang zu Informationen zum Gesamtmarkt.

Die vollständigen Interviews finden Sie unter: https://www.ecb.europa.eu/paym/t2s/pdf/specser/T2S_SpecialSeries_issue4.pdf

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